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Junge Filmszene im BJF

25.9.17

Rezension zu "Das Gefühl des Augenblicks - Zur Dramaturgie des Dokumentarfilms" von Thomas Schadt

Das Gefühl des Augensblicks/UVK
Das Gefühl des Augensblicks/UVK

Schadt liefert mit "Das Gefühl des Augenblicks" einen fundierten Überblick über die Dramaturgie des Dokumentarfilms. Beginnend mit einer Einführung in die Theorie, die mit vielen interessanten Dokumentarfilmdefinitionen angereichert ist, macht der Autor Lust, tiefer in die Materie einzusteigen. Schon den Theorieteil versieht Schadt mit vielen Erlebnissen aus seiner Dokumentaristen-Karriere.
Der Praxisteil zeigt einen durchdachten Aufbau und schildert alle wichtigen Bereiche von der Idee bis zur Postproduktion. Leider werden jüngere Entwicklungen in der Kamera- und Filmtechnik nicht beleuchtet.

Der letzte Teil "Nichts ist spannender als die Realität" lebt von Schadts Erfahrungsberichten. An manchen Stellen gewinnt man den Eindruck, dass er sich aufgrund seines immensen Outputs wiederholt. Der im Praxisteil empfohlene Mut, sein Material im Rohschnitt mit einer gewissen Distanz zu begegnen, hätte diesem Teil auch gut getan.

Die Dramaturgie des Aufbaues von "Das Gefühl des Augenblicks" funktioniert wie die Dramaturgie eines Dokumentarfilms. Er hat manchmal seine Länge, aber am Ende fühlt man sich über das Sujet informiert, das mit der Handschrift und Perspektive des Filmautors vermittelt worden ist.

An dieser Stelle sei ein kleiner Seitenhieb auf Schadts Vorwurf erlaubt, die heutigen Jungfilmschaffenden seien einfallslos.

Der ehemalige Fotograf (Jahrgang 1957, kein Kind des modernen Fernsehens) beschwert sich aus eigener Erfahrung als Leiter der Filmakademie Ludwigsburg, dass junge Filmschaffende sich mit Filmen bewerben, die konventionell, uninspiriert und sehr fernsehformatig sind. Da stellt sich die Frage, welche Vorbilder die jungen Bewerbenden haben und wer wiederum diese Vorbilder ausgebildet hat. Auch die Akademie bildet für das Fernsehen aus. Die Regisseur*innen geniessen eine hochqualifizierte, künstlerisch anspruchsvolle Ausbildung, der jedoch im Berufsalltag eine Anpassung an die Marktbegebenheiten folgt, die meist vom Fernsehen bestimmt wird. Fernsehbilder erzeugen Fernsehbilder.

Die Verwunderung über seine Erfahrung sollte er in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext betrachten. Dann wird deutlich, warum die Bewerbungseinreichungen heute nach Fernsehen aussehen, oder inzwischen sogar vermehrt dem Serien- und YouTube-Format nacheifern - entsprechend der Sehgewohnheiten der Bewerbenden.


Fazit: Wer an Schadts reichem Erfahrungsschatz teilhaben und sich eine theoretische Grundlage über das Dokumentarfilmen aneignen möchte, dem sei "Das Gefühl des Augenblicks" empfohlen.

Gefördert vom

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend